Was ist Renaturierung?
Wenn über die Themen Naturschutz, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Co diskutiert wird, werden oftmals Fachbegriffe verwendet. Bevor es dabei „ans Eingemachte“ geht und kontroverse Ansichten über das vermeintlich Unmissverständliche aufeinanderprallen, ist es sinnvoll, sich diese Begriffe etwas näher anzuschauen. Erst wenn man wirklich vom „Selben“ redet, können die Standpunkte dazu gut ausgetauscht werden.
Die Renaturierung ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Nicht erst seit der entsprechenden Verordnung der EU scheiden sich daran die Geister. Was ist also darunter zu verstehen?
Unter Renaturierung wird die Veränderung von Lebensräumen hin zu „naturnäheren, natürlicheren Zuständen verstanden. Die Natur in Form der uns umgebenden Wiesen, Äcker, Wälder, Flüsse und Seen soll artenreicher, vielfältiger und wiederstandsfähiger werden. So unterschiedlich die Lebensräume sind, so unterschiedlich sind auch die Maßnahmen, die zu mehr Naturnähe führen können. Was Renaturierung nicht bedeutet ist die Herstellung des Ur-Zustandes!
Auf den Wiesen
Die Wiese als Lebensraum ist, zumindest heutzutage, gar kein ganz natürlicher Lebensraum. Würden unsere Landwirte diese nicht regelmäßig mähen, so würden die Wiesen recht bald verbuschen und in weiterer Folge zum Wald werden. Nur die extremsten Standorte bilden keine Wälder auf natürliche Weise aus. Ganz nasse Wiesen, Moore, felsige Standorte oder der alpine Bereich sind Beispiele für Orte, an denen Bäume keine Chance haben. An allen anderen Orten sorgen Bauern dafür, dass unsere Landschaften offen bleiben. In Frühzeiten waren es noch der Wisent (oder Europäische Bison), Auerochsen oder Wollnashörner, die das Wachstum der Bäume eingedämmt haben. Dadurch entstanden parkähnliche Urlandschaften.
Artenreiche Blumenwiesen, auf denen bei jedem Schritt unzählige Heuschrecken weghüpfen und Grillen zu Hunderten zirpen, sind heute leider selten geworden. Ungedüngte und nur ein- oder zweimal gemähte Wiesen sind beispielsweise in Oberösterreich seit 1960 um über 85 % zurückgegangen. So bedeutet beim Lebensraum Wiese die Renaturierung das Beibehalten oder – noch wichtiger – die Wiederherstellung sanft gepflegter und nicht oder kaum gedüngter Wiesen. Wo es die betriebswirtschaftlichen Abläufe erlauben und Förderung einen adäquaten finanziellen Ausgleich bieten, sollten wir allen Bauern dankbar sein, die solche schönen – wie artenreichen – Biotope erhalten.
Darüber hinaus können Einzelbäume, Alleen oder Streuobstwiesen unser Offenland optisch aufwerten und wertvolle „Inseln“ für Specht, Hirschkäfer und andere darstellen. Auch die Anlage solcher „Trittsteine“ in der Landschaft gehört zur Renaturierung.
Im Wald
Naturnahe Wälder bestehen in St. Georgen im Ybbsfelde hauptsächlich aus Laubbäumen. Die Gegend wäre wohl großteils von Buchen-, Eichen- und entlang der Ybbs aus Weiden- und Pappelwäldern eingenommen. Orientiert man sich am Urzustand führt bei der Renaturierung ein Beimischen dieser robusten Laubbäume zur mehr Naturnähe, aber auch zu mehr Widerstandskraft, besserer Bodenfruchtbarkeit und höherem Wasserhaltevermögen. Diese Entwicklung, weg von der Fichten-Monokultur hin zum Laubmischwald, ist in St. Georgen vielfach zu sehen. So verbesserte sich der Zustand des Waldes, über ganz Österreich gesehen, in den letzten Jahrzehnten deutlich. Um den Lebensraum Wald für unsere Tierwelt noch attraktiver zu machen, wäre eine wichtige Maßnahme im Sinne der Renaturierung, sogenannte Veteranen-Bäumen – alte, krumme und knorrige Baumpersönlichkeiten – stehen zu lassen.
An den Flüssen
Viele Bäche und Flüsse im Mostviertel wurden seit dem zweiten Weltkrieg in ihrem Lauf stark korrigiert und ihre Ufer mit großen Wasserbausteinen gesichert. Unter dem Motto „nur weg mit dem Wasser“ wurden sie häufig zu Wasser-Autobahnen umgebaut. Die Zahl von Hochwasser-Ereignissen, bei denen Wasser über die verbauten Ufer tritt mit unkontrollierbaren Überflutungen als Folge, steigen. Im letzten Jahrzehnten wurde erkannt, dass mehr Platz für die Flüsse auch einen Vorteil im Hochwasserfall bringt. Wer die Ybbs im Bereich Schönegg zwischen Blindenmarkt und Neumarkt betrachtet, bekommt einen Eindruck, wie die Aufwertung der Ybbs und ihrer Auen und Hochwasserschutz für alle Seiten Vorteile bringt. Solche Projekte lassen sich nur realisieren, wenn Grundeigentümer entlang der Ybbs bereit sind, ihre Flächen für solch nachhaltige Projekte zu verkaufen. Die wilde Natur entlang der Ybbs mag nach Chaos und totaler Unordnung aussehen. Für stark gefährdete Tier- und Pflanzenarten wie den Donau-Lachs, den schillernden Eisvogel oder den flutenden Hahnenfuß stellt sie einen überlebensnotwendigen Lebensraum dar. Es ist nicht Ziel der Renaturierungsbemühungen, eine Natur aus längst vergangenen Zeit wiederzustellen. Niemand möchte ins Jahr 1860 zurück, als ein unbekannter Autor in Hugo’s Jagdzeitung über die Ybbs schrieb: „Von der Stadt Yps oder Ips, […], wo der Fluß gleichen Namens in die blonde Donau mündet, bis fast zu seinem obern Quellengebiete ist nur selten jene menschliche Thatkraft erkennbar, welche sonst auch den boshaftesten nassen Burschen meisterhaft zu zügeln versteht. In ungetrübter Ungebundenheit und Laune windet sich seine grüne Fluth alljährlich an neuer Stelle herab, unterwühlt und zerreißt in toller Lust Wald und Wiesengrund, …“
Renaturierung heute bedeutet, unter Einbindung aller Betroffenen der Natur wieder ein Stück ihrer Natürlichkeit zurück zu geben.
(Originaltext Stefan Guttmann)