Die ganze Mannigfaltigkeit unserer Natur
Biodiversität ist ein Begriff, der in den Medien zu hören ist und über den viel gesprochen – oder diskutiert – wird. „Die Biodiversität leidet.“ oder „Die Landwirte legen Biodiversitätsflächen an.“ und „Es gibt Programme der EU, die Biodiversität fördern sollen.“ sind nur einige wenige Beispiele aus der Medienberichterstattung. Wir nehmen es zum Anlass, um uns näher mit diesem Begriff zu beschäftigen.
Unter Biodiversität oder der biologischen Vielfalt versteht man die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten. Die ganze Mannigfaltigkeit unserer Natur also. Wenn man es ein bisschen geordneter angehen mag, kann man unter Biodiversität
- die Vielfalt an Arten
- die genetische Vielfalt und
- die Vielfalt der Ökosysteme verstehen.
Die Vielfalt der Arten
Österreich ist im Vergleich zu anderen Ländern Mitteleuropas einer der artenreichsten Staaten. Rund 68.000 Arten, davon ca. 54.000 Tierarten und 3.462 Farn- und Blütenpflanzen, kommen in Österreich laut Umweltbundesamt vor. Die größte Gruppe machen Insekten mit rund 40.000 Arten aus.
Aber wie werden diese Arten überhaupt unterschieden? Was ist eine Art? Klingt nach einer einfachen Frage, die wir am besten mit folgendem Beispiel beantworten. Ein Esel und ein Pferd sind zwei verschiedene Arten. Ein Dackel und eine Dogge gehören zur selben Tierart. Biologen definieren eine Art als eine Fortpflanzungsgemeinschaft. Zwei Lebewesen müssen sich paaren können und daraus müssen wiederum gesunde, fortpflanzungsfähige Nachkommen entstehen. Das funktioniert eben bei Dogge und Dackel, nicht aber bei Pferd und Esel.
Leider ist es um die Artenvielfalt nicht so gut bestellt. Experten gehen davon aus, dass weltweit rund ein Viertel aller untersuchten Arten vom Aussterben bedroht ist. Bei den Insekten schaut’s nicht besser aus. Das Insektensterben wird uns erst bewusst, wenn wir uns an die Vielzahl an Schmetterlingen und Heuschrecken in den Wiesen unserer Kindheit oder die zahlreichen Insektenflecken auf der Windschutzscheibe vor 30, 40 Jahren erinnern. Bodenverbrauch, zu intensive Landschaftwirtschaft und begradigte Flüsse haben leider dazu geführt.
Die genetische Vielfalt
Rehböcke haben mitunter sehr unterschiedliche Geweihformen. Es gibt wunderbar saftige, große Äpfel und kleine unscheinbare. Das ist genetische Vielfalt. Innerhalb derselben Art können die Tier- oder Pflanzenexemplare sehr unterschiedlich aussehen. Die Fichte im Hochgebirge hat eine andere Wuchsform als am Steinberg in St. Georgen. Diese genetische Vielfalt entsteht oder besser gesagt entstand natürlicherweise über viele Tausend Jahre. Sie entstand durch regionale Anpassung der Arten oder rein zufällig durch genetische Missgeschicke. Bei der Paarung – der Kombination der Erbanlagen – können auch „Fehler“ passieren. Bei Albino-Formen treten diese Genfehler deutlich in Erscheinung.
Die genetische Vielfalt ist die Lebensversicherung einer Art. Je größer sie ist, desto leichter kann sich die Art an sich verändernde Bedingungen anpassen. Diese Vielfalt werden wir in den fortschreitenden Zeiten des Klimawandels noch gut brauchen können.
Die Vielfalt der Ökosysteme
Der Lebensraum und seine darin ablaufenden Wechselwirkungen werden als Ökosystem bezeichnet. Einfacher ausgedrückt: Die Blumenwiese in Krahof mit iheren hunderten Pflanzen- und Insektenarten ist ein artenreiches Ökosystem. Dass daran ein schöner Laubmischwald mit Eichen, Buchen und Ulmen wächst, der wiederum vom Blindbach durchzogen wird, macht wiederum die Vielfalt der Ökosysteme aus. Vielfältige Landschaften sind nicht nur eine Augenweide für uns Menschen. Die Stufenraine am Geilberg, die Streuobstwiesen um die Höfe in Krahof sind Kombinationen aus verschiedenen Ökosystemen. Auf engem Raum sind Brachen, Einzelbäume, Wiesen, Weiden und Hecken zu finden. Diese Vielfalt ist Voraussetzung für das Vorkommen zahlreicher Arten: Der Grünspecht braucht die Baumhöhle als Wohnung und die kurzrasige Wiese zum Ameisenfressen. Die Gelbbauchunke braucht im Frühjahr die Wasserlacke und im Winter die dicke Laubschicht im angrenzenden Wald.
Warum die Biodiversität für uns wichtig ist?
Wieso sollte uns das interessieren? Was bringt uns das? Die Natur stellt uns verschiedene Leistungen zur Verfügung, Ökosystemleistungen:
- Die Insekten bestäuben unsere Obstbäume.
- Der Wald liefert Holz für unsere Terrassenböden.
- Die Kräuter beinhalten Arzneimittel.
- Ein gesunder, strukturierter Wald verhindert Muren.
Die Liste ließe sind beinahe unendlich fortsetzen. Diese Ökoystemleistungen sind schlicht die Grundlage unseres Lebens. Ein paar Zahlen gefällig?
Von den rund 380.000 Pflanzenarten auf der Erde sind vermutlich rund 200.000 essbar. Heute gehören zwei Drittel aller landwirtschaftlich produzierten Nahrungspflanzen zu nur neun Arten. In den USA werden heute nur noch 5 Prozent der im Jahr 1900 genutzten Apfelsorten angebaut. Es erscheint ein wenig kurzsichtig, bei so wichtigen Dingen nur auf eine Karte zu setzen. Die Vielfalft ist auch hier unsere Lebensversicherung. Beim Auftreten von Schädlingen, Pilzkrankheiten, etc. kann uns Vielfalt retten.
Auch unter der Grasnarbe ist Leben in Hülle und Fülle vorhanden. In einer Hand voll Humus leben mehr Organismen als Menschen auf der Erde. Ein fruchtbarer, gesunder Böden ist die wertvollste Ökosystemleistung überhaupt.
Rund 80 Prozent aller Blütenpflanzen, und damit fast alle Obst- und Gemüsesorten, sind auf die Bestäubung durch Tiere angewiesen. Etwa ein Drittel der gesamten Welternährung basiert auf dieser Bestäubungleistung. Die Honigbiene ist natürlich das Paradebeispiel für diese Ökosystemleistung. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass die Honigbiene nur rund 15 Prozent der geschätzten 250.000 Arten von Blütenpflanzen bestäuben kann. Den Rest erledigen ihre wilden Verwandten – Schmetterlinge, Hummeln, Schwebfliegen, Käfer, …
Es gäbe noch unzählige Beispiele, die uns vor Augen führen, wie wichtig die Natur für uns Menschen ist. Und dabei haben wir noch gar nicht von der bloßen Schönheit der alten Eiche, des Apollofalters oder vom Geschmackserlebnis beim naschen verschiedener Erdbeersorten gesprochen.
Es gibt also tausende Gründe warum wir uns für den Erhalt unserer Natur einsetzen sollten. Dazu können wir jeden Tag einen Beitrag leisten.
Buchempfehlung
Viele der Beispiele aus diesem Text entstammen dem Buch mit dem Titel „Was hat die Mücke je für uns getan?“, geschriben von Frauke Fischer und Hilke Oberhansberg. Das Werk aus dem Oekom-Verlag hilft zu verstehen, was biologische Vielfalt für unser Leben bedeutet.
(Originaltext Stefan Guttmann)